Am 15. Oktober 2026 präsentierten Ulrike Burbach, Gisela Baudy und Christian Baudy im Altonaer Museum ihre „Lesung für den Baum“. Mit Klängen, Tanz-Performance, eigenen Bildern, Geschichten sowie deutschen und englischen Gedichten nahmen sie die Besuchenden auf vielfältige Weise in die Welt der Bäume mit.

Wir befinden uns in einem kleinen Saal mit ungewöhnlicher Ausstattung, mal abgesehen von der üblichen Bestuhlung. Papiertheater heißt der Raum und ich verstehe bald, warum. Fasziniert schaue ich mich von meinem Platz aus um. Rechts und links entdecke ich weiße Vitrinen mit seitlich angebrachten Handkurbeln. Die Schaukästen stellen verschiedene Szenen hinter Glas dar – mit beweglichen Kulissen und Figuren aus Papier beziehungsweise Pappe. Sie wirken wie Miniaturausgaben der großen schaufensterartigen Öffnung auf halber Höhe an der Stirnwand des Raumes: dem Wolkentheater. „Eidophusikon“ steht im verschnörkelten Oval mitten über dem scheibenlosen Guckfenster.

Was es damit auf sich hat, erklärt uns Donata Predic, ihres Zeichens Kultur- und Bildungsmanagerin: „Hinter mir sehen Sie eine zeitgenössische Nachbildung eines historischen Kulissentheaters. Das Original hat der Landschaftsmaler und Bühnenbildner Philip James de Loutherbourg erbaut und Eidophusikon genannt. Erstmalig wurde die mechanische Bühne 1871 in London eingesetzt.“
Also, nach Adam Riese gab es das schon vor über 150 Jahren.
„Wir nennen die Schaubühne auch „Wolkentheater“ wegen der wolkigen Hintergrundkulissen. Auf der Bühne können wir lebendige Landschaften darstellen, bildlich, mit Ton- und Lichteffekten. Besuchen Sie gerne mal eine unserer regelmäßigen Vorführungen.“
Ich frage mich, ob wir heute Abend einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen. Wäre schon cool.
Jetzt erzählt uns Gisela Baudy ein paar Takte zu Bäumen – wie wir sie wahrnehmen, verehren und mythologisch einordnen – und etwas zum heutigen Abendprogramm. „Und nun Bühne frei für Ulrike Burbach und ihren Tanz Alte Bäume.“

Schwarz gekleidet, barfüßig und mit dunkel schattiertem Gesicht nimmt die Tänzerin auf einem schwarzen Holzstuhl vor dem Kulissentheater ihre Anfangspose ein. Gedimmtes Licht fällt auf die gespannten Gesichter. Die ersten sanften, sphärisch und etwas melancholisch anmutenden Töne setzen die Performerin langsam in Bewegung, es entstehen Figuren und Formen, Wurzeln, Verwinkelungen, Schösslinge entfalten sich zu knorrigen Ästen und ausladenden Baumkronen, wiegen sich majestätisch im Wind.
Die letzte Musiknote beschließt den ersten performativen Programmpunkt des Abends.
Nun erobert Christian Baudys Stadt-Natur-Lyrik die Bühne. Mit kurzen Federstrichen zeichnet er deutsch- und englischsprachig Moment-Aufnahmen aus Feld-, Wald- und Wiesenduft, Tautropfen, Sonnenflecken und was ihm auf Spazier- und Radtouren sonst noch „in die Sinne“ kam. Farbintensiv und auf DIN-A3-Poster gebannt setzen Christians Malereien einen zusätzlichen malerischen Akzent.

Die Staffelei räumt das Feld für Ulrikes Auszug aus ihrer Kurzgeschichte „Wie neugeboren“. Mit Herrn Simonson begeben wir uns zum Amt für Reinkarnation, wo ihn Frau Mollenhauer leidenschaftslos über seine Wiedergeburt nach seinem Ableben informiert. Er soll als Straßenbaum weiterleben. Wir lachen. Doch der Protagonist ist not amused.
Wäre aber auch nicht meine erste Wahl, ehrlich gesagt. Wissen wir doch längst, dass das Leben auf der Straße für Bäume zunehmend Klima-, Bau- und Gesundheitsstress bedeutet.

Wir bleiben noch ein bisschen in diesem Fahrwasser: Gisela Baudys Kurzgedichte schlagen – mit Malerei- und Fotopostern untermalt – kritischere Töne zur Beziehung zwischen Mensch und Natur an: Plastikschrott weht im Haar der Seejungfrauen, die Juni-Gluthitze verschlingt unsere Bäume und grünen Träume. Versöhnlicher kommen der Geruch von Sommer oder der Silberflug der Schwalben daher.

Der Schaukasten vis-à-vis erwacht aus seinem Dunkel. Mit dezenten Geräuschen schiebt sich im Hintergrund langsam ein Landschaftsbild ins Blickfeld. „Yes!“, triumphiere ich innerlich und spekuliere auf eine kleine Bühnenschau.
Und richtig. Was folgt, ist die szenische Lesung Philemon und Baucis in vier Bildern. Genauer: Christian Baudys zu einem Mini-Drama umgearbeitete Nacherzählung der gleichnamigen Verwandlungssage aus Ovids Sammlung „Metamorphosen“. Wir begegnen dem eher nachsichtigen Götterboten Hermes und seinem gestrengen Vater Zeus, der die herzlose Menschheit vernichten will und wird. Untergangsstimmung im Eidophusikon: Dunkle Wolken ziehen auf, schwarze Wellen schlagen hoch. Einzig Philemon und Baucis, ein armes, aber redliches altes Ehepaar, bleiben verschont und verwandeln sich an ihrem gemeinsamen Lebensende in zwei Bäume, die langsam rechts und links in den Vordergrund des Wolkentheaters rücken.
Und warum faszinieren uns solche Jahrtausende alten Sagen heute immer noch? Ulrike Burbach lässt ihre Nachgedanken dazu auf uns wirken, bevor sich das Trio im Raum verteilt und über unsere Köpfe hinweg eine Minute lang Zeitbegriffe durch den Raum schwirren. Motto: Bäume haben Zeit, wir nicht.
Der kräftige Abschlussapplaus entlässt die Künstlergruppe. Einen Moment noch. Der Stadt-Natur-Lyriker verteilt Flyer zur Baumbestimmung und gibt einen Tipp für die Aufwertung von Stadtbild und Mikroklima ab: „Unterstützen Sie doch mit einer frei gewählten Spende die Kampagne Mein Baum – Meine Stadt. Sie bestimmen selbst, für welchen der nachzupflanzenden Straßenbäume das Geld bestimmt ist. Einfach im Internet suchen und die interaktive Karte zu Rate ziehen. Hamburg hat noch einen ziemlichen Aufholbedarf; seit 2015 fehlen 1.500 Bäume.“
Die Idee scheint anzukommen, mindestens so gut, wie die Literaturperformance.
LINKS:
Altonaer Museum: https://www.shmh.de/altonaer-museum/
BUND (Flyer Download): https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/laubbaeume-bestimmen/
Kampagne Mein Baum – Meine Stadt (Stadt Hamburg und Loki Schmidt Stiftung): Infos & Downloads unter https://loki-schmidt-stiftung.de/projekte/mein-baum-meine-stadt/
Text: Moritz Mahler
Fotos: Christian Baudy und Gisela Baudy