awsLiteratur

der Verlag von alles-wird-schön e.V.

Schlagwort: Fortsetzungsgeschichte

Obwohl sie nichts wussten, Teil IV

Sie stapften los. Als Katharina und Hajo den Anleger passierten, hing das Willkommensschild schief im Wind. Knack machte es und brach in der Mitte entzwei.

„Wer will jetzt schon auf unsere Insel kommen?“, fuhr es Katharina durch den Kopf. Zum Glück hatte der Regen nachgelassen.  Sie steuerten geradewegs auf den Deichkrug zu. Katharina vermutete Jan hier. Das Licht der Kneipe – mit den besten Bratheringen ever – sandte wohlige Wärme aus. Jan trank hier gern nach seiner Arbeit im Naturschutzreservat sein „Störtebecker“. Sie wischte mit ihrem Ärmelrevers die  Tropfen von der  Scheibe. Ihre Augen suchten den Raum ab.

„Jan ist da.“ Sein strohig blondes Haar stand zu Berge. „ Hajo warte, ich hole ihn, seinen Peilsender werden wir noch brauchen können.“ Ihre Miene hellte sich für eine Sekunde auf. Hajo starrte in die kalte, sternenlose Nacht, die undurchdringlich vor ihm lag, als sie sich plötzlich wie durch Messers Schneide vor ihm in zwei Hälften teilte. Was war das? Ist das etwa schon der Zugang …?

Obwohl sie nichts wussten, Teil III

Wieviel Zeit mochte sie noch haben? Ihre Verfolger würden keine Gnade kennen. Doch konnte sie es ihnen verdenken? Es war nicht richtig, dass ein einzelner Mensch eine derartige Macht in seinen Händen hielt, wie sie jetzt. Doch was geschehen war, war geschehen. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Sie riss sich aus ihren Gedanken, zog ihre ausgetretenen Wanderstiefel an und warf sich den alten Ostfriesennerz ihres Vaters über.  Mit ihrem gepackten Rucksack auf den Schultern verließ sie das Haus.

„Da bist du ja endlich.“

Hajo wartete draußen im Regen stehend und zog an seiner Pfeife. Katharina lächelte ihm müde zu.

„Es ist nicht leicht von seinem bisherigen Leben Abschied zu nehmen.“

Ihr alter Patenonkel nickte schweigend. Von seinem weißen Bart rannen Tropfen herunter. Doch das störte dieses Insulaner Urgestein nicht. Der Wind peitschte ihnen ins Gesicht, während sie wortlos davon marschierten.  Die Nacht war angebrochen.  Und wieder kehrten die Bilder der letzten Tage zurück. An dem einen Tag befindet man sich noch in einem ganz normalen Leben, ärgert sich über einen langweiligen Job, nervende Kollegen und immer wiederkehrende Routine. Man macht sich Gedanken über Bausparverträge, Rente und wo vielleicht der nächste Urlaub hingehen soll, und im nächsten Moment, hat all dies keine Bedeutung mehr.

 

Obwohl sie nichts wussten, Teil II

Sie schaltete das Radio ein, nicht etwa den Fernseher, dessen Bilder ihr Angst machen würden. Angst, das Unausweichliche zu sehen, falls die Fähre wieder fuhr und an Land gehende Menschen in eine Fernsehkamera blickten: Menschen, denen sie nie wieder zu begegnen hoffte.

…sind die Nordseeinseln nach wie vor vom Festland abgeschnitten„, hieß es: „Zahlreiche Anleger sind beschädigt …“

Wie so oft wüteten die Tiefs überm Wasser doch viel stärker. In Orkanböen, sagten sie: fünf Meter hohe Wellen. Am Nordstrand mochten sie nun in mannshohen Brechern heranrollen, ihre weißen Gischtrollen in den Sand schlagen, deren brockiger Schaum wie der eines tollwütigen Raubtiers bis über die Promenade wehte. Der Sturm war Katharinas Mantel, der Riegel vor der Tür. Er schützte sie und all die anderen Menschen, die sie in Gefahr bringen konnte.

„Eine Gnadenfrist“, sagte sie sich leise.

Denn das Tief zog vorüber, der Riegel lockerte sich. Sie würden kommen, gnadenlos und unerbittlich wie zuvor der Sturm.

Zeit das Haus zu verlassen, dachte sie und packte das gröbste ihrer Sachen zusammen.

Obwohl sie nichts wussten, Teil I

Der Beginn einer Geschichte.

Tannen hatten mit dramatischer Geste vor dem heranziehenden Sturm gewarnt. Das drei Tage währende Getöse des Tiefausläufers über Norddeutschland hatte nicht nur erbarmungslos Blätter von den Bäumen gerissen, zu Boden schleudert und durch die Straßen getrieben. Äste hatten unter gebrechlichem Knarren und Knacken dem zornigen Wind nachgegeben, der wütend die eine oder andere Tür hinter sich zugeschlagen hatte. Alle Bäume bogen sich, manche brachen.

Doch nun beruhigte sich das Wetter langsam wieder. Katharina saß wie betäubt auf dem Küchenstuhl und lauschte dem stetigen Geräusch des Regens. Ein Regen, der nicht prasselte, sondern zu knistern schien.

Katharina fühlte sich wie leer. Nur eine einzelne Frage hielt ihre Gedanken auf Trab. Sie drehten in ihrem Kopf  eine Runde nach der nächsten, ohne zum Ziel zu gelangen.  Wie um alles in der Welt hatte sie in diesen Schlamassel hineingeraten können?

Ankündigung

Bei unserer letzten Team-Tagung kam die Idee auf, eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Sie soll einerseits gemeinschaftlich entstehen, andererseits uns Autoren den Raum bieten, eigene Einfälle einzubringen und dem persönlichen Stil treu zu bleiben. Es gibt also weder einen festgelegten Handlungsstrang noch einen Plot.

Eine Person fängt an zu schreiben und gibt die Spinnspule dann weiter. Der zuvor geschriebene Text bietet jeweils die Vorlage zur Fortführung der Geschichte. Das bietet die Möglichkeit für spannende Ko-Kreation.

Und es mag nicht nur uns Autoren von awsLiteratur inspirieren und herausfordern, sondern auch die Fantasie der Leser beflügeln. Wer weiß, vielleicht verführt das Kopfkino dazu, selber mitzuspinnen oder gar mit dem Schreiben anzufangen.

Am Wochenende soll es losgehen.

 

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