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der Verlag von alles-wird-schön e.V.

Autor: Christoph Nerger

Obwohl sie nichts wussten VII

„Das Boot!“

Katharina und Hajo schauten zu Jan, der kurz nach seinem Ruf einen fahren ließ. Sie folgten ihm an den Steg. Die beiden ließen Katharina einsteigen und lösten die Schnüre.

Jan seufzte. „Hoffentlich können wir die Fahrrinne noch sehen.“ Und furzte erneut.

„Von wegen Fahrrinne“, Hajo schüttelte den Kopf: „Wir müssen durch die Prile.“

„Aber… dazu bräuchten wir unsere Geräte…“ Weiter kam Jan nicht, weil er furchtbar rülpsen musste.

„Auf keinen Fall“, rief Katharina. „Die steckt ihr alle schön in die unscannbaren Rucksäcke!“

„Worum ich euch herzlich bitte“, forderte Hajo. Dann trennte er den Außenborder vom Heck und ließ ihn gurgelnd versinken.

„Bist du wahnsinnig“, empörte sich Jan. „Wie sollen wir es denn so durch die Prile schaffrrrülpss?“

„Die Menschheit ist auch mal ohne Technik ausgekommen! So alte Knochen wie ich haben etwas, das man Wissen und Erfahrung nennt.“ Er holte zwei Ruder vor und klemmte sie in die Pinnen: „Ruderst du oder ich, min Jung?“

Katharina sah den alten Seebären an: „Glaubst du wirklich, das klappt?“

„Ist ja wohl unsere einzige Chance.“

„Okrüüülps“ Jan sah entschuldigend in die Runde. „Okay. Ich mach’s.“

„Ich kann das eigentlich gar nicht von euch verlangen“, überlegte Katharina.

„Doch, kanssurrrrrülps“ Und schon stellte Jan einen weiteren Koffer in die Landschaft, dass das Boot hüpfte.

„Sag mal, Kerl: Hast du schlecht gegessen oder was?“ Hajo erhielt keine Antwort.

Jan legte sich in die Riemen und brachte das Boot mit kraftvollen Schlägen voran. „Sag, wo ich lang muss.“

Als Jan es aus seinem Allerwertesten so krachen ließ, dass der Querbalken seiner Ruderbank splitternd zerbarst, wusste Katharina, was los war.

„Oh nein“, rief sie.

„Lass man! – Rülpsss! – Kein Problem.“ Jan, der nun eine Etage tiefer im Boot saß, war nicht länger in der Lage zu rudern. „Duckt euch“, rief er.

„Wie jetzt?“ Hajo legte den Kopf schief, aber da drückte Katharina ihren Patenonkel schon auf die Bootsplanken.

Hajo erhob sich im wankenden Boot, bückte sich und reckte seinen Hintern vor. Ein wahrer Schuss knallte zwischen seinen Gesäßhälften nach hinten, zerriss ihm die Hose und jagte das Boot in einem höllischen Speed durch die Wellen. Eine blauweiße Gasflamme zischte aus seinem Hintern, begleitet von einem Sound, als würden Kanonenkugeln wie MG-Salven abgefeuert. Das alte Holzboot türmte bei mindestens 50 Knoten Fahrt (über 90 km/h) eine mächtige schäumende Bugwelle auf.

„Was hat das zu bedeuten?“ schrie Hajo gegen das Inferno an.

„Er verwandelt sich“, schrie Katharina zurück.

„A-aber in was denn?“

„In einen…“ weiter kam sie nicht. Das Boot lief auf eine Muschelbank, überschlug sich und begrub seine Passagiere kopfüber mit den Rändern auf die Muscheln knallend. Die Muschelschalen pieksten, doch Katharina schien nirgendwo zu bluten. Sie hatte keinen Zweifel, dass Jan am ehesten unversehrt geblieben war. Da richtete er sich schon wieder auf und hob das Boot an. Katharina und Hajo krochen hervor: Auch der alte Seebär erwies sich als unverwüstlich. Jan erhob sich nun ganz zu seiner neuen Größe und das Boot krachte hinter ihm mit dem Kiel auf die Muscheln, wo es sich splitternd halbierte. Die Metamorphose des jungen Mannes war ein fürchterlicher Anblick. Die letzten Fetzen seiner Textilien fielen von ihm ab, sein blanker Hintern wanderte nach oben, die Arme wurden zu Beinen, zwischen denen der Kopf wie ein ungelegtes Ei hängen blieb. Das Gesicht verschwamm, die Augen verflüchtigten sich, doch der Mund blieb, während unten nun oben war und ein übereinander liegendes Augenpaar auf jeder Gesäßhälfte zwinkerte. Die Beine hatten sich in dünne Arme verwandelt. Ein braunglänzendes, schrumpliges Etwas stand da vor ihnen.

„Was ist das denn“, schrie Hajo. Katharina fühlte Mitleid mit ihrem Patenonkel, den so leicht nichts aus der Fassung bringen konnte. Aber das hier musste auch für ihn zu viel sein.“Was ist hier los, verdammich?“ Seine Blicke wechselten zwischen ihr und dem, was einmal Jan war, hin und her.

„Ich bin ein Rektalier“, kam es unten aus dem Mund des Geschöpfes, das einmal Jan war: „Vom Planeten Rektalus aus dem Sternbild des Häufchens.“

„Sag nur, du willst ein intelligentes Alien sein.“

„Fast so intelligent wie ihr Menschen.“

Fast? Wie kommt ihr dann hier her?“

„Auf Rektalus gibt es den besten Dünger der Galaxis. Damit sind wir reich geworden. Und was man so unter den führenden Zivilisationen braucht, haben wir uns gekauft. Ist so ähnlich wie bei euch mit den Arabern und dem Öl.“ Eine kleine Gasflamme tanzte auf seinem Hinternkopf.

„Die Araber sind Menschen wie wir“, widersprach Hajo: „Und sie haben eine reichhaltige, hochentwickelte Kultur nach Europa gebracht. Ihnen verdanken wir zum Beispiel die chirurgische Medizin, wie wir sie kennen.“

„Das hätte ihnen heute aber einen Furz genützt. Jedenfalls haben wir uns mit dem Dünger alles gekauft, was wir für interstellare Flüge brauchen. Und wir sind die Nummer eins bei der klimatischen Umwandlung von Steinplaneten für jede passende Spezies. Na gut, der Abstand zur jeweiligen Sonne muss schon einigermaßen stimmen.“

„Heißt das…?“

Katharina fühlte den starren Blick ihres Patenonkels.

„Jo, min Alter. Das mit dem Treibhauseffekt is unser Ding. Aber keine Bange. Wir verändern das hier nich so, dat ihr hier kein Überleben mehr habt. Es muss nur so aussehen, als macht ihr alles kaputt. Und ehrlich gesagt: Ohne unsere Kontrolle hättet ihr es auch schon geschafft. Wir Rektalier wollen uns heimlich ausbreiten, unseren Einfluss verstärken. Und zwar mit euch Menschen. Wir brauchen nämlich Verbündete gegen den hässlichen Intergalaktator Kratuk und seine Schergen.“

„Hässlicher als du ist er wohl kaum“, stellte Hajo fest.

„Du hast ja keine Ahnung“, entgegnete der Rektalier „Ach und übrigens: Ich bin der Gasi, ne?“

Doch weder Hajo noch Katharina wollten seine ausgestreckte Hand ergreifen, deren vier dünne Finger an Würmer erinnerten. So setzten sie ihren Weg zu Fuß durchs Watt fort. Immer wieder entglitt dem Alien ein Furz, hin und wieder zischte das Gasflämmchen bedrohlich in die Höhe.

Obwohl sie nichts wussten, Teil II

Sie schaltete das Radio ein, nicht etwa den Fernseher, dessen Bilder ihr Angst machen würden. Angst, das Unausweichliche zu sehen, falls die Fähre wieder fuhr und an Land gehende Menschen in eine Fernsehkamera blickten: Menschen, denen sie nie wieder zu begegnen hoffte.

…sind die Nordseeinseln nach wie vor vom Festland abgeschnitten„, hieß es: „Zahlreiche Anleger sind beschädigt …“

Wie so oft wüteten die Tiefs überm Wasser doch viel stärker. In Orkanböen, sagten sie: fünf Meter hohe Wellen. Am Nordstrand mochten sie nun in mannshohen Brechern heranrollen, ihre weißen Gischtrollen in den Sand schlagen, deren brockiger Schaum wie der eines tollwütigen Raubtiers bis über die Promenade wehte. Der Sturm war Katharinas Mantel, der Riegel vor der Tür. Er schützte sie und all die anderen Menschen, die sie in Gefahr bringen konnte.

„Eine Gnadenfrist“, sagte sie sich leise.

Denn das Tief zog vorüber, der Riegel lockerte sich. Sie würden kommen, gnadenlos und unerbittlich wie zuvor der Sturm.

Zeit das Haus zu verlassen, dachte sie und packte das gröbste ihrer Sachen zusammen.

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