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der Verlag von Alles wird schön e.V.

Monat: Januar 2018

Kleine Pause

Diese Woche muss es leider eine kleine Pause bei unserer Fortsetzunggeschichte geben. Aufrgund der Erkältungssaison und allgemein voller Terminkalender haben wir es diese Woche leider nicht geschafft. Aber keine Sorge, ab nächster Woche geht es wieder weiter. Dann gibt es einen neuen Teil von „Obwohl sie nichts wussten“.

Wer will kann natürlich die Zeit gerne nutzen und sich, falls noch nicht geschehen die bisherigen Teile zu Gemüte führen.

Obwohl sie nichts wussten XII

Die Aliens hielten eine kurze Besprechung ab. Dann war es entschieden. Sie mussten mehr über diese seltsame Spezies heraus bekommen. Gut getarnt schwenkten sie in eine niedrige Umlaufbahn dieses wasserreichen Planeten ein. Das Rätsel der auftauchenden und verschwindenden Raumschiffe musste geklärt werden. Warum war ihnen eine Zivilisation bisher noch nicht aufgefallen? Wenn in diesem System unterschiedliche raumfahrende Spezies unterwegs waren, dann hätte dies doch nicht so lange unentdeckt bleiben können. Doch dieses System war in ihren Datenbanken nicht als hochentwickelt verzeichnet.

Und wo waren die Raumschiffe hin, die eben noch eindeutig von der Schiffs-KI identifiziert worden waren? Der erste Analytiker legte seine Hand auf das Datenmosaik neben dem runden Kugelbildschirm. Er schloss seine Glubschaugen und verband seinen Geist mit der KI des Schiffes.
„Analyse starten, Rekonstruktion der letzten Sichtungen.“, befahl er mental.
„Unklare Daten. Lokalisierung des Ursprungs nicht möglich. Nur eine metaphorische Visualisierung möglich“, hallte die Antwort in seinem Geist.
Mit einem Gedanken startete er die Rekonstruktion. Die KI sammelte alle Daten, die sie mit den Sensoren des Schiffes erlangen konnte. Sie sortierte in wenigen Sekunden die zuckenden Datenströme, die zwischen kleinen aus seltenen Metallen bestehenden Trabanten hin und her geschickt wurden. Das Muster war einfach und die KI konnte sich schnell anpassen. Ein paar Testsequenzen sendete sie und nach kurzer Zeit hatte sie ein Model der Semantik erstellt. Jetzt konnte sie interagieren.

Der Analytiker beobachtete, wie in kurzer Zeit eine Welt rekonstruiert wurde. Dieser Planet schien eine ganz eigene Tarntechnologie zu haben. Er fragte sich, ob diese kleinen Primaten es tatsächlich geschafft haben sollten, Wurmloch-Technologien zu beherrschen, ohne dass andere Zivilisationen dies mitbekommen hätten. Denn das, was er jetzt sah, war derartig seltsam, dass er nicht wusste, wie sonst so etwas möglich sein sollte. Während die KI noch dabei war, alle Daten in ein sinnvolles Muster zu transferieren, entstand vor dem Analytiker nicht eine Welt, sondern hunderte. Welten auf unterschiedlichsten technischen Niveaus. Die meisten sehr kriegerisch. Dann hatte die KI etwas Bekanntes entdeckt.
„Dort!“, dachte der Analytiker, „Verbindung! Nah-Untersuchung!“

*

Katharina war noch immer verwirrt:
„Was soll das? Ein Computerspiel? Das Wasser steigt immer höher! Ich habe keine Lust hier zu ertrinken. Ob real oder nicht. Ich will hier raus!“
Jan versuchte beruhigend zu sprechen:
„Entspannt euch. Alles was ihr hier seht, ist nur in eurem Kopf. Ihr erschafft die Welt.“
Katharina und Hajo schauten Jan skeptisch an. Das Wasser stand ihnen noch immer bis zur Hüfte. Doch der Sturm hatte nachgelassen. Katharina legte die Stirn in Falten. Was war das? Irgendwie kam ihr das alles seltsam und unwirklich vor. Sie schaute sich um. Zweifel machte sich in ihr breit. Und auf einmal merkte sie, wie der Horizont verschwand. Nein, nicht dass es zu dunkel oder neblig war. Er verschwand einfach. Da war gar nichts mehr. Es war, als wenn die Welt sich auflösen würde. Mit offenem Mund starte sie in die Ferne und beobachtete, wie sich von allen Seiten das Nichts auf sie zukam. Sie fühlte sich wie im Auge eines Orkans, der sich immer weiter zusammen zog.

„Aber! …“, wollte sie gerade noch sagen, doch dann zerfiel vor ihren Augen der Rest der Welt. Die Nordsee, das Watt, das ganze Wasser, alles weg. Sie und die anderen schwebten mitten in einem schwarzen Nichts. Katharina wollte gerade anfangen, vor Schreck zu schreien, als sich eine kleine Nebelwolke vor ihnen bildete. Diese verfestigte sich kurz darauf zu einem weißen spindeldürren humanoiden Wesen.
„Seid gegrüßt, Wesen dieses kleinen Steinplaneten, ich komme in Frieden!“, sprach es höfflich in die verblüffte Runde. Jan schaut zu Katharina und Hajo. Verdaddert fragte er:
„Wer von euch hat sich dieses Wesen ausgedacht?“

Obwohl sie nichts wussten XI, Jan Christoph Nerger

„Mir reicht es jetzt“, rief Katharina dem Rektalier zu: „Jetzt hör mal, Jan…“

„Gasi bitte …“

Katharina schüttelte sich:“Ich denke nicht daran! Für mich bist und bleibst du Jan! Mir egal, was für eine Kreatur du bist, ich akzeptiere das nicht! Ich habe die Schnauze voll, kapiert? Ich will  mich nicht länger verstecken. Ich geh an die Öffentlichkeit!“

„Aber das hätte verheerende Folgen …“

„Die Prile“, bemerkte Hajo zaghaft.

Aber Katharina blieb vollauf mit Jan beschäftigt.  „Ich habe keine Lust mehr, mich mit irgendwelchen Aliens rumzuschlagen! Ich kann nicht mehr!“

„A-aber es ist…“, stammelte Jan, bzw. der Rektalier: „Es ist doch…“

„Was?“

„…nur ein Spiel!“

Katharinas Stirn legte sich noch mehr in Falten als ohnehin schon.“Wie bitte? Willst du mich verarschen?“

„Nee.“

„Jan, wenn du mir jetzt nicht klipp und klar sagst, was hier abgeht …“

„Gasi, bitte…“

„Jan, habe ich gesagt! Klar? Jan, Jan, Jan, Jan, Jan!“

Da fiel diese seltsame Gestalt klatschend und schmatzend in sich zusammen. Dampfend bildete sich scheinbar der überdimensionale Haufen eines mutierten Wattwurms. Dann begannen sich menschliche Hände aus diesem auszugraben. Vor Katharina und Hajo erhob sich zitternd ein nasser, verdreckter Jan. Verzweifelt sah er die beiden an.

„Bist du denn komplett verrückt“, brüllte Hajo, aus seiner Erstarrung erwacht. „Du hast uns mitten ins Watt gescheucht? Eines Spieles wegen? Min Jung, ist dir klar, das wir hier nicht mehr lebend raus kommen?“

Die drei sahen herab. Sie standen knietief im dunkelbraunen Wasser.

„Das macht gar nichts“, versicherte Jan hektisch: „Wir müssen nur fest daran glauben, dass es diesen Zugang gibt.“

Doch der Zugang war verschwunden.

„Weg, weil wir nicht mehr dran glauben?“ Katharina schüttelte den Kopf. „Aus demselben Grund hast du dich zurückverwandelt, stimmt’s? Wie konntest du nur auf so eine hirnverbrannte Idee kommen?“

„Es war nicht meine.“

„Sondern?“

„Ingos.“

Katharina schluckte. Ausgerechnet Ingo? Waren denn alle Männer komplett bescheuerte Spielkinder? Nun standen sie hier und das Wasser stieg und stieg. In einer leichten Welle klatschte es ihr erstmals zwischen den Beinen an den Schritt. Sie erschrak. Gleich würden sie alle hüfthoch von der Nordsee umspült werden…

*

Das Raumschiff – eine etwa fünfzig Meter breite Kugel, um die sich ein nur durch Energiefelder verbundener leuchtender Ring drehte – glitt unaufhaltsam durchs All. Die fremden, weißen Kreaturen im Innneren waren spindeldürre, zweieinhalb Meter hohe Zweibeiner mit kürbisförmigen Köpfen, tennisballgroßen Glubschaugen – zwei winzigen Löchern anstelle einer ausgeformten Nase – und einem kleinen, lippenlosen Mund. Sie standen vor den Konsolen um einen rund zwei Meter breiten, Kugelbildschirm. Andächtig bestaunte die außerirdische Besatzung die aufgefangenen Funkwellen, vor allem Fernsehbilder und Radiomusik. Endlich hatten sie eine fremde Zivilisation gefunden! Und mehr noch: Eine Reihe weiterer Zivilisationen schien sich bereits in der Nähe des Planeten aufzuhalten. Sie besuchten ihn sogar schon. Und dabei bedienten sie sich offenkundig einer hochentwickelten Tarntechnik, denn mal fingen sie eine ganze Flotte von Raumschiffen auf, dann wieder gar nichts. Tatsächlich schienen die Bewohner dieses Planeten momentan wieder ganz unter sich zu sein. Die Aliens sahen einander an und nickten. Das versprach doch mal spannend zu werden …

 

Obwohl sie nichts wussten X

Dr. No Go saß missmutig vor seinem Monitor und wertete die bisherigen Ergebnisse des Testlaufs von VR I aus. Er befürchtete, dem marktführenden Spielehersteller AMACONDA wären sie nicht spektakulär genug.

Seine Probanden trauten sich nur zögerlich, von ihren Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Er schüttelte den Kopf.

VR I hatte das Potential, Sterne vom Himmel holen zu können, um damit zu jonglieren. Es war nicht zu vergleichen mit herkömmlichen Spielen, bei denen man Avatare, Waffen und Werkzeuge auswählen konnte, um damit weiter zu kommen.

Bei VR I erschuf man die Realität selbst. Man saß auch nicht mehr vor einer Konsole, sondern war mittendrin im Geschehen. Der virtuelle Raum war mit den Gehirnen der Spieler vernetzt. Man sah, hörte, schmeckte und fühlte wie die Figur, die man steuerte. Und die Spieler hatten die Macht, auf dem Holodeck alles real werden zu lassen, was sie selber ersannen. In Echtzeit!

Frau Dr. Nirwana klopfte an die Tür und lugte um die Ecke, als sie keine Antwort bekam. Sie runzelte die Stirn, als sie die zusammengesunkene Gestalt des Wissenschaftlers hinter den Monitoren erblickte. Der ohnehin kleine Asiate schien geschrumpft zu sein.

„Ich sah noch Licht bei Ihnen. So spät noch bei der Arbeit?“

Dr. No Go hob die Schultern und ließ sie kraftlos wieder fallen, als wären sie viel zu schwer für ihn.

„Darf ich?“ Sie kam um den Schreibtisch herum, trat hinter ihn und warf einen Blick auf die Tabellen und farbigen Verlaufskurven. „Vielversprechend. Respekt!“

Dr. No Go drehte sich zu ihr um und die Ungläubigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sie beugte sich vor und deutete auf die Doppel-Delta-Matrix. „Das sind doch erstaunliche Resultate für den Anfang!“

Mit müden Augen folgte er ihrem Finger und der ansteigenden Kurve.

„Ich verstehe das nicht. Die Spieler könnten alles tun! Und was machen sie? Treffen sich auf einer norddeutschen Insel und stolpern mehr oder weniger planlos durchs Watt!“

„Unfug! Erstens: Was haben Sie erwartet? Dass ihre Testpersonen gleich mit Lichtgeschwindigkeit „Per Anhalter durch die Galaxis“ spielen?“

Sie legte ihre Hände auf die Schultern des kleinen Mannes mit überdimensionalen Visionen. Er war ohne Frage eine Koryphäe auf dem Gebiet der Erforschung und Entwicklung kokreativer Intelligenz (KKI), aber er schien manchmal keinen blassen Schimmer von der normalen, menschlichen Psyche zu haben.

„Zweitens: Die Probanden müssen sich erst an das erweiterte neuronale Netzwerk gewöhnen. Es ist vollkommen naheliegend, dass sie sich zunächst auf gewohnten Nervenbahnen bewegen und vertrautes Terrain bevorzugen.

Drittens: Je mehr Erfahrungen sie sammeln, desto neugieriger und mutiger werden sie. Nach und nach werden sie ihre neuen Fähigkeiten ausbauen und zu gebrauchen wissen.“

Sie deutete auf die exponentiell ansteigende Kurve.

„Außerdem gebe ich zu bedenken, dass es die Akteure mit der Fantasie der Mitspieler zu tun bekommen. Es ist eine enorme Herausforderung für das menschliche Gehirn, neue Eindrücke zu verarbeiten und sich untereinander zu synchronisieren. Sie wollen doch gewiss nicht riskieren, dass hier jemandem die Sicherungen durchbrennen.“

Sie spürte, wie sich Dr. No Go unter ihrem leichten Händedruck ein wenig entspannte.

Er drehte sich zu ihr um. Sie sah zwar eigentlich nichtssagend aus, aber dafür hatte sie ein ganz hübsches Mundwerk, umspielt von einem Lächeln, das ihn an ein Gemälde erinnerte.

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